Der Junge mit den wenigen Worten und das Geheimnis der vielen Smileys

Es gibt Kinder, die mit einer besonderen Art kommunizieren, scheu und trotzdem neugierig die Welt entdecken. Wie das bei uns aussieht möchte ich euch heute erzählen.

Reden, nein, reden ist nicht so seins! Schon morgens wartet Momo bis er alleine ist, um sich den Lieblings-Pulli zu holen – diskutiert wird deshalb nicht. Nein, der dicke Pulli, den die Mama vorbereitet hat verschwindet still und heimlich wieder im Schrank.

Was aber jeden Morgen erörtert werden muss, ist der Wochentag. Momo will wissen, um wieviel Uhr die Schule heute endet und ob er Sport hat. Die Wochentage besprechen wir jetzt ungefähr seit ca. 3 Jahren täglich und mittlerweile zählt er die Tage bis zum Wochenende. Jetzt, in der zweiten Klasse, wird ihm klar, dass Wochenenden und Ferien viel toller sind als Schule… ;). Heute fragt er nicht mehr, ob er endlich in die Schule gehen darf, nein heute beflügeln Vorstellungen von Urlauben und Ausflügen seine Gedankenwelt.

Und manchmal, wenn er einen guten Tag hat, dann erzählt er mir davon.

Wie meistens, erklärt sich Momo auch zum Frühstück eher wortlos. Er huscht vor mir in die Küche und versucht sein Wurstbrot fertig zu haben, bevor ihn jemand einen Vortrag über zuviel Wurst am Morgen hält.

Beim Frühstücken selber ist er ganz bei sich, er grinst, summt Lieder oder bereitet in einer gedanklichen Dauerschleife Dialoge vor. Diese nutzt er im Alltag wie Textbausteine für Gespräche – gerade dann, wenn er aufgeregt ist, hilft ihm das offenbar sehr.

Als sein Schulbegleiter einmal krank war meinte Momo sehr klar: „Dann geh ich eben alleine in die Schule rein!“. Wir haben ihm vertraut, denn wenn etwas so wichtig ist, dass er dazu Worte benutzt, dann ist für ihn die Sache wirklich bedeutend und wie immer in solchen Fällen klappt es problemlos. Trotzdem bleibe ich meistens mit stolzem Lächeln am Auto stehen, sehe ihm nach und denke: Seht her, das ist mein Junge! Aber was wohl die anderen Eltern denken? Etwa schaut, da ist die arme Mama mit dem behinderten Buben?

Nach dem Zebrastreifen dreht er sich nochmal um und winkt mir zu. Der Schulbegleiter wartet im Klassenzimmer auf ihn. Alles läuft reibungslos. Nur gesprochen wird eben nicht viel. Warum auch, es passt ja alles – Momo ist ein Macher und kein Redner.

Zur Hausaufgabenzeit fliegen mir seit ein paar Wochen Schnipsel mit Smileys entgegen, große, kleine, welche die von Löschblättern grinsen und wieder andere verzieren Hefteinträge.

IMG_0625.jpg
Schreibhefteintrag mit einem geheimnisvollen Smiley und einem König von der Lehrerin.

Die meisten sind eindeutig nicht von der Lehrerin, denn sie belohnt nur gute Leistungen mit einem Smiley und sehr gute mit einem König. Natürlich wollen alle Kinder möglichst viele Smileys bekommen und strengen sich deshalb an. Weil aber ein echter Vergleich mit den Mitschüler*innen ungerecht wäre, bekommt Momo natürlich nur dann Smileys, wenn seine persönliche Leistung honoriert werden kann.

So die Theorie der Erwachsenen!

Denn erstaunlicherweise tauchen die größten Lachgesichter immer dann auf, wenn die Lehrerin vermerkt, dass er eine Aufgabe etwas ordentlicher machen soll. Die Smileys kommen also nicht von einem Erwachsenen, der Momo belohnen will, sondern vermutlich von Mitschüler*innen?

Aber das beste ist, dass mein Momo nun seine Liebe zum Zeichnen von Smileys entdeckt hat.

Aber was steckt hinter diesen vielen wunderbaren Lachgesichtern?

Letzte Woche kam mir vor der Schule Ela mit ihrer Mutter entgegen. Momo und Ela gehen in eine Klasse. Die Kinder strahlen sich an und machen faxen. Dann nimmt Ela ihre Mama ins Visier: „Mama du musst jetzt mal was ausmachen! Sie stampfte wie Pippi Langstrumpf auf den Boden und Momo lachte dazu: „Ich will mit Momo auch mal am Nachmittag spielen!“

„Weißt du Marianne,“ sagte Elas sympathische Mama. Dein Momo wartet jeden Morgen vor der Schultüre auf Ela. Sie gehen dann immer zusammen rein. Ist das nicht süß? Das haben sie so ausgemacht,“ sagt sie beiläufig. Klar für andere Achtjährige ist das selbstverständlich. Für Momo nicht! Ich stutze… mein Momo verabredet sich? Das bedeutet ja, er bespricht und plant Dinge mit Gleichaltrigen! Wow, denke ich, was für eine Entwicklung!

Dann geht mir ein Licht auf: „Ela, bist du die große Künstlerin, du malst diese wunderbaren Smileys?“ das Mädel hebt stolz den Kopf und grinst: „Ja!“

Elas Mama schaut mich an. Ihr ist klar, dass das für Momo nicht alles selbstverständlich ist. Dann sagt sie lächelnd: „Momo ist so ein lieber Junge, habt ihr nächsten Montag Zeit für einen Besuch?“

 

 

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s