Wie mein Kind, mit Lernbeeinträchtigung/ geistiger Behinderung lesen gelernt hat. (Teil 1)

Momo ist acht Jahre alt, er konnte mit sechs Jahren lesen – nichts besonderes, oder etwa doch? Heute möchte ich mit einer kleinen Serie starten, die sich rund ums Thema Lesen lernen dreht. Im Teil 1 geht es um Meinungsbilder zum Lesen lernen bei Kinder die nicht der Norm entsprechen. Ihr werdet staunen wie gegensätzlich die Experten argumentierten:  

Die Regelkind – Welt

Dort liest jeder mit acht Jahren – Punkt! Alles andere muss diagnostisch abgeklärt werden. So als ob es eine Krankheit wäre nicht lesen zu können! In der zweiten Klasse Regelschule lesen alle?! Und es geht darum längere Texte und Bücher zu verstehen… lesen ist unglaublich wichtig und deshalb wird geübt, geübt, geübt.

Kaum jemand beklagt sich öffentlich über den Druck, der auf so manchem Regelkind lastet. Wenn ein Regelkind nicht so recht mag, oder kann – dann muss es in eine spezielle Schule.

… oder Moment! Nein! Da war doch was mit Inklusion.

Die Parallel-Welt mit Sonderpädagogik für Kinder mit Fragilem-X-Syndrom

Dort ist das gaannz anderes. Bitte gar keinen Druck! Ein auf geistige Behinderung getesteter Junge mit Fragilem-X-Syndrom, der lesen kann? Im Sinne von: Zieht Buchstaben zusammen, erschließt sich einen kurzen, einfachen Text? Nein, sowas hatte eine „Expertin“ für das Fragile-X noch nicht gesehen?! Das kann nur sein, wenn Eltern ihr Kind „knechten“ – wurde mir zu verstehen gegeben. Und anderen Eltern rät man: Am besten „quält“ man diese Kinder erst gar nicht mit etwas, das ja eh nicht klappen wird.

Kaum jemand beklagt sich öffentlich über eine mögliche Unterforderung, denn wer will schon ein Kind mit Beeinträchtigung „quälen“? Wenn ein Kind einmal nicht mag oder sogar bockig ist, dann ist es in der Logik dieser Welt überfordert und als Lösung werden die ohnehin schon niedrigen Anforderungen noch weiter heruntergefahren.

Die Welt der anderen Syndrome

Bei einem Gespräch mit Momos Entwicklungspsychologen meinte dieser: „Noch vor ein paar Jahren“ glaubte man, Kinder mit Down Syndrom würden nicht lesen lernen – Punkt! Deshalb hat man es ihnen auch nicht ernsthaft beigebracht – natürlich auch – um sie nicht zu frusten. Heute hätte man aber entdeckt, dass Kinder mit Down Syndrom sehr viel früher als Regelkinder „sensibel“ fürs Lesen sind. Das sei eine Gabe, hat er freundlich schmunzelnd gemeint und erklärt, dass man durch die Förderung von sinnentnehmendem Lesen die Sprachfähigkeit verbessert. Auch bei Kindern mit auditiven Wahrnehmungsstörungen hätte man damit gute Erfolge.

Und beim Fragilen-X-Syndrom dachte ich mir… „Da hat noch niemand genauer hingeschaut, oder?“ Denn, neben meinem Sohn kennt Frau Dr. Britta Unger (eine Hausärztin, die sich seit über 15 Jahren mit dem Thema Fragiles-X Syndrom beschäftigt) noch weitere Jungen, welche den Leseprozess vor dem Eintritt in die Schule verstanden hatten. Sie schrieb mir Folgendes:

Man sollte das bei Menschen mit Fragilem-X Syndrom wirklich mal genauer unter die Lupe nehmen, ob nicht ggf. schwerpunktmäßig diejenigen Kinder lesen lernen, denen man es bereits im Kindergarten- / Vorschulalter angeboten hat und sie dann auch darin entsprechend unterstützt hat.

Ich musste hier auch gleich an einen anderen – ebenfalls sehr seltenen Gendefekt denken: das Williams-Beuren-Syndrom (https://de.wikipedia.org/wiki/Williams-Beuren-Syndrom). Diese Kinder haben auch – oft deutliche – kognitive Beeinträchtigungen, können sich schlecht konzentrieren, haben häufig Probleme mit Augen und Wirbelsäule oft zusätzlich Herzfehler, ABER es wird sogar explizit beschrieben, dass sie z.T. „auffallend früh lesen lernen“ („Hyperlexie“).

Spontan fällt mir aus meiner Praxis ein weiterer Junge mit Fragilem – X Syndrom (mit sonst all den üblichen Fraxproblemen) ein, der bereits mit 5 3/4 J. unbekannte Wörter lesen konnte: auf meinem Schreibtisch lag ein dickes Buch über Medikamente, die „Rote Liste“ – das hatte er ganz sicher nicht vorher geübt! Er entdeckte es und las mir den Titel vor. Bei einem Puzzle-Spiel konnte er nach EINEM Durchgang bereits Bilder und Anfangsbuchstaben (A zu Apfel) korrekt zusammenlegen. Dessen Eltern hatten ihn auch ganz konsequent gefördert und gefordert, er besuchte einen inklusiven KiGa und geht jetzt in eine L-Klasse auch mit Regelkindern.

Ein anderer Junge mit Fragilem – X Syndrom, mit einer deutlichen Sprachentwicklungsverzögerung – sprach im Alter ca. 2,5 Jahren noch kein einziges Wort, begann mit ersten Worten, nachdem seine Mutter einige Wochen mit ihm intensiv „lesen“ geübt hat. Zunächst erlernte er einzelne Buchstaben, bald kurze Wörter, dann konnte er Wörter und Bilder zusammensortieren (Apfel, Auto, Ball….) und sein Sprachschatz erweiterte sich rasch um genau diese Wörter.

Die Welt unserer Spezialisten: Logo, Ergo, etc.

Mein konkretes Ziel für Momo war erst einmal nicht das Lesen selbst, sondern einen Weg in die Sprache zu finden. Also fragte ich nach einer Therapie zum „Frühen lesen“ und es hieß… Momos IQ wäre zu niedrig… er würde nicht lesen lernen – Punkt! Eine alternative Therapieform, Unterstützungsmöglichkeiten etc. wurden mir nicht Nahe gelegt. Momo bekam klassische Logopädie. Leider hatten wir kein Glück für diese Fragestellung eine*n der „guten“ Therapeut*innen zu finden, obwohl ich weiß, dass es welche gibt… gut versteckt… vor der Mainstream-Meinung.

Die Welt der Montessori-Therapie

Schlussendlich gab es Hilfe durch die Montessori-Therapie, genauer gesagt durch Frau Anderlik. Die mit ehrlicher Überzeugung sagte: „Sicher wird ihr Sohn lesen lernen! Warum denn nicht, sehen sie ihn doch einmal an. Er erkennt die Buchstaben, lassen sie sich nichts einreden. Dann wird er eben erst lesen und danach sprechen! Wenn Ihnen das nichts ausmacht – für mich ist das kein Problem.“ Natürlich machte mir das nichts aus Ich war nur noch nicht auf diese Idee gekommen bzw. hatte niemanden gefunden, der uns geholfen hat. Frau Anderlik arbeitete mit Momo und prognostizierte dann lächelnd:

„Momo würde mit sechs/ sieben Jahren lesen können und sich darüber Wissen aneignen. Lesen öffnet neue Türen in die Welt.“ (zit. Lore Anderlik)

Und sie hatte Recht! Damals, als Momo viereinhalb Jahre alt war. Natürlich ist mein Sohn durchs Lesen alleine, nicht „geheilt“ – er ist und bleibt der Junge, der er eben ist nur mit der Fähigkeit sich Wissen selber anzueignen, ohne zwingend auf andere angewiesen zu sein.

Die Welt der Heilpädagogik

Die damalige Heilpädgogin hat uns für diesen unkonventionellen Weg geradezu ausgelacht. Der Junge brauche Basics. Da „oben“ bei den Buchstaben wär er noch lange nicht. Eher bei so etwas wie Ordnungssystemen, Kommunizieren und sich selber Wahrnehmen (entschuldigt bitte meine unprofessionelle Ausdrucksweise)… Auf die Frage, was Basics konkret wären, also an was wir nun genau arbeiten sollen, bekam ich keine befriedigende Antwort. Der Junge bräuchte auf jeden Fall keine Buchstaben und mit vier Jahren schon gar nicht!

Es war leider ein blöder Zufall, dass wir gerade zu dieser Zeit mit einer Heilpädagogin zusammen gekommen sind, die so dachte. Zwei andere, die wir kennenlernen durften, wären sicher anders mit uns und Momo umgegangen – hätten uns unterstüzt sich selber eingebracht, einen Weg gesucht.

Im Gegensatz zur klassischen Heilpädagogik verstand ich sehr gut was Frau Anderlik sagte, nämlich: „Wenn er sich jetzt dafür interessiert, dann lernen wir das jetzt. Momo weiß am besten was er braucht – egal was die anderen dazu sagen! Er macht den Plan!“ Auch Buchstaben zu Wörtern ordnen braucht ein Ordnungssystem. Und wenn Momo in der Vorschule schon die Buchstaben kann, erfährt er Lob und Anerkennung auch von den anderen Kindern. Die Körperwahrnehmung konnten wir beispielsweise dadurch verbessern, dass wir Buchstaben auf seine Haut gezeichnet haben. Schon war er motiviert, den Körperteil und den Buchstaben zu benennen: „Mama bitte ein „R“ hier auf den Rücken machen und jetzt ein „H“ auf meine Hand.“

Die Therapie der „normalen“ Heilpädagogin hingegen verweigerte Momo, sie meinte: „Er wäre so bockig – typisch für diese Kinder.“ Diese Therapeutin fand keinen Draht zu Momo, setzte auf ewiges wiederholen. Was das bedeutete verstand ich aber erst, als ich hospitierte. Selber sah was ihre warmen, netten Worte aus den Elterngesprächen in Wahrheit bedeuteten. (Aber dazu auch ein anders Mal mehr.)

 

Die Welt des Kindergartens

Da, Momo nicht nach den allgemeinen Regeln tanzte, ich keine Therapeutin bin und vieles hinterfragte, mussten wir zwangsläufig auch viel diskutieren. Mit dem Ergebnis, dass die Buchstaben-Leidenschaft meines Vierjährigen im Kindergarten mit einem erstaunten und wohlwollenden Lächeln zur Kenntnis genommen wurde. Mehr aber nicht! Buchstaben wären nur etwas für die Vorschulkinder… daran war nicht zu rütteln. Irgendwann wollte ich nicht mehr diskutieren, Momos Erzieherin hat sich grandios um das soziale Miteinander der Kinder gekümmert. Das zahlt sich heute in der Schule aus. Und ich wollte ihr keine Schwierigkeiten bereiten. Also lernten wir selber, daheim mit den Übungen die uns Frau Anderlik gab.

Die Welt des Mobilen Sonderpädagogischen Dienstes (MSD)

In der Schule stellte die Sonderpädagogin vom MSD fest, Momo könne sinnentnehmend lesen. Unsere Vorgehensweise dazu war ihr neu. Zum Glück war sie aber sehr offen. Sie kam mit zu Frau Anderlik und staunte über eine Methodik, die über 100 Jahre alt ist, längst publiziert wurde und deren erhöhte Wirksamkeit gegenüber „normaler“ Förderschulpädagogik nachgewiesen ist.

Aber dazu das nächste Mal mehr…

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