Freundschaft inklusive

„Was ihr eurem Kind nur antut! In dieser Welt gibt es keine Freundschaften zwischen Kindern mit und ohne Behinderung… normale Kinder können grausam sein, glaub mir!

Das sagte mir letztens die Mama eines Förderschulkindes, welche unseren inklusiven Weg verächtlich hinterfragte. Gibt es wirklich keine Freundschaft zwischen  Kindern mit und ohne Behinderung? Oder ist die Qualität von Freundschaft einfach nur anders – individueller vielleicht? Nur Mitleid – nein, das wollte ich nicht glauben.

Momo hatte bisher Glück. In seinem Kindergarten legte man Wert auf die Entwicklung von „Sozialkompetenz“! Und so keimten auch schon in Momo´s sprachloser Zeit, freundschaftliche Pflänzchen. Trotzdem kommen bis heute Einladungen hauptsächlich über die Eltern zustande und verabredet wird sich, ganz nach Momos Geschmack, auf dem Spielplatz!

Bei so einer Verabredung passierte auch die folgende Geschichte – die mich heute sicher macht: Es gibt Freundschaft zwischen Kindern… und eine „Behinderung“ spielt dabei keine Rolle.

Früher hat Mona viel gefragt – nicht immer hat sie nette Dinge gefragt und zeitweise fand sie Momo auch richtig doof. Mona, das neugierige Kindergarten – Mädchen wollte unbedingt verstehen, was denn da bei ihrem Freund anders läuft. Mir lag oft ein bitterer Stein im Magen. Musste ich ihr doch ehrlich sagen was los war, erklären dass es Menschen gibt die erst sehr spät sprechen lernen, oder dass Momo Kinder umarmt, wenn er ausdrücken will, dass er sie gern hat.

Heut mögen sie sich gern: Mona erklärt gern und Momo hört gern zu. Streit gibt es nur, wenn Momo nicht genau das macht was Mona von ihm will. Das Momo „intellektuelle“ Rollenspiele ablehnt – weiß Mona, aber wenn sie etwas erklärt oder noch besser etwas vormacht… jaaa dann, kann selbst Momo nicht immer widerstehen.

Jetzt waren wir mit Momo, Mona und den kleinen Schwestern auf dem Spielplatz. Es war ein grausiger Wintertag mit eiskalten Windböen, die über das Piratenschiffen und die Riesenrutsche wehten. Lulu klagte über Bauchschmerzen. Auch Monas kleine Schwester kränkelte, weshalb wir Mamas bereits nach 30 Minuten genug hatten. Die Großen wollten natürlich noch nicht gehen.

„Ihr könnt doch alle, mit zu mir heim kommen.“ meinte Mona. Aber Lu sollte besser ins Bett. Da rief Mona spontan: „Der Momo könnte doch mit zu mir kommen. Der muss doch nicht zu dir heim.“ Ich staunte, selber wäre ich nicht auf diese Idee gekommen.

Vielleicht mag das für „Normalo“-Mamas seltsam klingen. Aber ein Besuch bei einem Freund, einer Freundin ALLEINE war bis jetzt einfach noch nicht möglich. Eigentlich undenkbar.

„Der Momo kann doch mitkommen, oder?“ riss mich Mona aus meinen Gedanken. Momo stellte sich neben seine Freundin, seine Augen wurden ganz groß, vor Freude wackelte er mit den Händen und machte sogar einen kleinen Sprung. Sein Mund konnte das breite Lachen nicht aufhören als er in den hellsten Tönen, zittrig-aufgeregt sagte: „Oh ja, ich will mit zur Mona!“ Beide Kinder schauten mich nun mit erwartungsvollen Augen an, sie wichen einander nicht von der Seite, wollten sie doch ihren Wunsch gegenüber den Erwachsenen durchsetzen.

„Gut dann frag schnell deine Mama, was die dazu sagt.“ Natürlich ging ich mit, musste ich doch die Reaktion meiner Freundin sehen. Ich musste darauf achten, ob ihr Mund und ihre Augen auch das gleiche sagen – beim leisesten Zweifel hätte ich alles sofort abgeblasen. Man will ja nicht zur Last fallen, niemanden, niemals!

Meine Freundin überlegte und sagt mit funkelnden Augen: „Na, dass ist doch eine gute Idee. „Es wäre Momo´s Premiere.“ fügte ich hinzu. „Ja, aber wir verstehen uns doch, oder Momo? Kommst mit zu Mona?“ Da musste Momo wie eine Sprungfeder hüpfen: „Ja!“ schoss es aus ihm heraus und seine Hände und sein ganzer Körper freuten sich gleich mit. „Gut, dann kommst du jetzt mit zur Mona.“ sagte meine Freundin mit liebevoll zugewandter Stimme und ignorierte dabei meine aufquellenden Sorgen.

Aber bevor es heim ging… musste Momo erst noch rutschen. Die Aufregung „herunterrutschen“ den Berg schnell hochlaufen und noch schneller die Riesenrutsche runtersausen – immernoch mit einem breiten Lachen!

Und diesmal wurde Mona von seiner Welle der Freude mitgezogen, sie wollte mit ihm gemeinsam feiern und das bedeutete in diesem Fall zu rutschen! Leider mochte aber Mona diese Rutsche überhaupt nicht… die Röhre oben ist dunkel, man sieht nichts und auf dem Metall rast man unkontrolliert nach unten. Auf der halben Höhe der Treppe blieb sie deshalb stehen: „Mama rutscht du mit?“ Die Mama schüttelte den Kopf.

Da kam Momo und trieb seine Freundin an: „Komm mit hoch, wir rutschen, ich helf dir!“ Kurz darauf sind sie, schwupps, gemeinsam runtergerutscht. Momo vorn als Bremser und Mona hinten mit Juchee!

„Der Momo hat super aufgepasst!“ sagte Mona und:

„Der Momo hat mir Mut gemacht, ohne ihn hätte ich mich niemals rutschen trauen.“

Schwupps liefen die beiden wieder den Berg rauf.

…und wir Mamas? Wir fühlten uns wie Zuschauer im eigenen Leben. Der Besuch bei Mona ist im Anschluss problemlos verlaufen.

Wie ist das bei euch? Wie geht es euren Kindern beim Freunde finden?

 

 

Ein Kommentar

  1. Ich glaube, dass eine Behinderung oder Erkrankung unter Kindern wenig Einfluss auf ihre Freundschaften hat. Kinder sind da einfach sehr offen. Mit meiner Großen sind wir lange Zeit Baby- bzw. Kleinkindschwimmen gegangen. Dort haben wir eine andere Mutter und ihren Sohn kennengelernt. Der Bub hat Trisomie 21. Wir haben uns dann auch immer wieder privat getroffen. Die Kinder haben sich super verstanden und ganz lieb miteinander gespielt.
    Im Erwachsenenalter ist es dann, meiner Meinung nach, viel schwieriger (aber natürlich auch nicht unmöglich). Erwachsene habe einfach so viele – oft falsche – Vorurteile.
    Liebe Grüße, Simone

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