Trau dich!

Mein Herz klopfte, was wird uns wohl erwarten bei so einem Lernentwicklungs-gespräch? Frau XY ist eine echt tolle Lehrerin und Momo hat sich weiterentwickelt. Aber sieht sie das immer noch so? Unsicherheit macht sich in mir breit. Wir Eltern kennen seinen Rahmen und wissen mittlerweile wo wir ansetzen müssen, damit etwas Brauchbares herauskommt. Aber LehrerInnen sehen ihn immer im Vergleich zu Gleichaltrigen dabei lernt er doch viel langsamer. Ein Ungleicher unter vermeindlich Gleichen also. Das war bisher noch kein Thema, ist aber leider doof wenn nun die SchülerInnen bewertet werden müssen.

Letztes Jahr war so ein Lernentwicklungsgespräch noch gar nicht möglich. Momo bekam statt dessen, wie wir früher, ein Zwischenzeugnis. Also hatte er Premiere! Weshalb wir morgens unter der Dusche probten: „Was kannst du gut?“ fragte ich ihn und er erklärte, dass er für Mathe noch üben muss, aber schon gut lesen kann. Stimmt! Passt! Keine weiteren Fragen, dachte ich freudig.

Aber, nix super! Schon auf dem Weg zur Schule fragte er mich, ob er im Auto sitzen bleiben könne? Er wolle nicht mit ins Klassenzimmer gehen, es wäre ja noch nicht Montag und sein Schulbegleiter wäre auch nicht dabei – das Gespräch fand ungewöhnlicherweise an einem Samstag statt. „Ob die anderen Kinder auch dort sind“ ?Überlegte er laut: „Nein, jeder kommt einzeln mit seinen Eltern.“ sagte ich. Dann spürte ich wie in Momo langsam Unsicherheit gepaart mit Unwohlsein aufkam. Es war diese Art von Stress, welcher ihn schon öfter zum Würgen zwang. „Nein Mama, also ich werde nicht mit Frau XY reden. Ich mag wieder heim“ sagte er mit großen Augen und blassem Gesicht.

So ein Mist! Aber jetzt hilft es nichts mehr. Manche Dinge müssen leider einfach sein. So wie die Augenarzt- oder EEG- Untersuchungen. Dabei hat Momo glücklicherweise gelernt das er nicht alleine dasteht, auch wenn es für ihn erstmal „zum Kotzen“ ist. Wir haben immer alles gemeinsam durchgestanden – auch alles Ekelige. Daher weiß ich, was ihm in so einer Situation gut tut. Nämlich, wenn ich den Ablauf vorher erzähle. Und so haben wir alles ganz genau durchgesprochen: „Du steigst jetzt aus und wir gehen in die Schule. Heute gehe ich mit, dann zeigst du mir deinen Platz…“. Besonders wichtig ist es ihm, dass ich erzähle wann genau alles vorbei ist und wir wieder heim gehen können. Entspannend wirkt es auf ihn auch, wenn er hört: „Momo, komm das schaffen wir zusammen! Das muss jetzt einfach sein, es geht aber schnell rum. Ich weiß es ist eine neue Erfahrung für dich!“ Momo hat bisher erlebt, dass alles so eintritt wie ich es ihm sage, vielleicht ist deshalb seine Gesichtsfarbe wieder rosa geworden und das Lächeln vorsichtig zurückgekehrt.

In der Schule war er leider sehr unsicher. Er musste immer wieder die selben unpassenden Sätze von sich geben: „Wo ist Lu (seine Schwester). Lu ist nicht da!“ Anfangs musste man ihn betteln, damit er sein Klassenzimmer betreten hat. Auf die Frage wo er sitzt, zeigte er einfach irgendwo hin. Ganz nach dem Motto: Lasst mich bloss in Ruhe. Im Gespräch wackelte er mit dem Kopf, schloss die Augen unangebracht lange oder drehte sich im Gespräch einfach weg. Puhh, wer soll mir da glauben, dass er vor fünf Minuten noch ganz anders war. Er hat es dann trotzdem geschafft laut und deutlich ein paar Fragen zu beantworten. Klar und freundlich antwortete er auf die Frage: „Gehst du gerne in die Schule?“ „Ja, ich gehe gern in die Schule.“ Und die Lehrerin erwiderte freundlich: Ja, diesen Eindruck habe ich auch.“ Was für ein Glück dachte ich, es geht bei dieser Lehrerin nicht um eine vermeindlich bessere Förderschulalternative.

Für das Lernentwicklungsgespräch hatten sich die anderen SchülerInnen selbst beurteilt. Das kann Momo aber noch nicht, darum hat dies die Lehrerin übernommen. Er kann im Unterricht gut zuhören seine Sachen sind ordentlich und er ist ein Teil der Klassengemeinschaft, sogar im Rechen hat er in einem Teil ein gut bekommen (wenn auch mit dem Vermerk „mit Hilfestellung“) am besten ist er im Sport das war aber schon immer seine Stärke. Alles andere wäre wohl um die Note Vier zu beurteilen und es wurde auch betont, dass Momos Leistungen nicht mit den anderen vergleichbar sind. Die Proben würden leichter gestellt und wohlwollend bewertet. Ich hatte tatsächlich überlegt, ob mir das Sorgen bereiten sollte… vielleicht…? Ein dummer Gedanke, ich weiß! Denn eigentlich will ich mich viel mehr über seine persönliche Leistung freuen! Und das machten wir dann auch mit einem Burgerfest, Momos Lieblingsbelohnung haben wir gefeiert.

Als Lernziel hat die Lehrerin: „Trau dich“ aufgeschrieben. Schön, gell! Ich bin ihr sehr dankbar, denn sie glaubt mir und traut Momo mehr zu als sein Verhalten erkennen lässt. Und irgendwann wird er ganz selbstverständlich auch mit anderen Menschen in fremden Situationen sprechen. Aber das braucht eben noch Zeit.

Das man weiter kommt wenn man sich was traut hat er schon verstanden. Denn wir spielten nachmittags am Klettergerüst – Die Piraten entern das Schiff – und Momo grinste: „Mama, du musst jetzt das Seil nehmen und zu mir hochklettern. Komm trau dich! Ich weiß, dass du das schaffst! Du kannst auch hier rauf kommen, hier her zu mir.“ 🙂

 

 

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